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Mircea Cărtărescu über die Proteste in Bukarest

21 Feb

Ich bezweifele keinesfalls die Erderwärmung, aber in diesem Jahr haben wir es in Rumänien mit einem sehr strengen Winter zu tun. Das Land ist zugeschneit, seit Wochen schon verharrt das Thermometer unter null Grad, der Schneesturm türmt den Schnee übermannshoch auf, der Verkehr versinkt im Chaos, die Parkplätze sind zugeschneit. Und in dieser weißen Apokalypse steht uns nun der Sinn nach Demonstrationen. Zu Tausenden, Hunderttausenden stehen wir stundenlang herum, treten wir, gekleidet wie Südpolforscher, auf der Stelle, wärmen uns auf mit Tee aus Thermoskannen und rufen unsere Losungen, singen und schwenken die Fahnen Rumäniens und der Europäischen Union.Beim Anblick der Plakate all der Laienkünstler, wahrer Genies, die uns die Herren des Landes in den lächerlichsten Posen vorführen, lachen wir Tränen, die uns sogleich über den Wangen gefrieren. Ja, es ist schrecklich kalt, aber wir halten durch, und von nun an ist der Widerstand, der echte, der moralische, der unserer Werte und Prinzipien, die uns menschliche Wesen sein lassen, unser Rückgrat. Wir protestieren vor allem, damit wir uns beim Blick in den Spiegel auch in die Augen schauen können.

Source: Mircea Cărtărescu über die Proteste in Bukarest

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Posted by on February 21, 2017 in European Union

 

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